Ich bin verdächtig!

So ein Mist! Dachte ich doch immer, dass ich nichts verdächtiges mache…

Das Bundeskriminalamt informiert auf seiner Homepage auch über die “Militante Gruppe�. Wer sich diese Seiten angesehen hat, geriet nach einem Bericht des Tagesspiegels ins Visier der Fahnder. Das BKA soll die IP-Adressen gespeichert und bei Providern angefragt haben, wem die Anschlüsse gehören.

Fangen wir ganz absurd an und unterstellen, solche Anfragen sind vom Datenschutz, dem Polizeirecht oder der Strafprozessordnung gedeckt. Dann gehen wir realistisch davon aus, dass das BKA bei 99,9 % der “Anfragenden� keine tasächlichen Anhaltspunkte gefunden hat, um tätig zu werden. Also nichts, was kriminalistische Maßnahmen rechtfertigt. Beschattung etwa. Oder eine Hausdurchsuchung. Alles andere wäre ja eine große Überraschung.

Ja, ich habe nach der “Militanten Gruppe” gesucht, ja ich war auch auf der BKA-Seite, ich habe mir den Verfassungsschutzbericht dazu heruntergeladen, ich habe Wikipedia und Google dazu befragt. Um mir ein Bild zu machen.

Dann kommt aber noch dazu, dass ich ab und an ein wenig recherchiere (merkt man nicht immer, ich weiß), ich versuche also verschiedene Dinge herauszufinden

  • gibt es z.B. diese ganzen Bombenbauanleitungen, von denen immer gesprochen wird überhaupt?
  • was sagt der Polizei-Ticker zu einer bei Indymedia lancierten Meldung?
  • gibt es die IslamicJihadUnion in Usbekistan überhaupt?

aber auch anderes:

  • wo hat die ISNM ihre Finger drin?
  • was hat es mit den Hausdurchsuchungen in Berlin auf sich?
  • welche Partei fordert welche neuen Sicherheitsgesetze?

Ich passe also eigentlich genau in das Raster der Online-Schnuppernasen. So, was kann man denn noch über mich herausfinden? Ich habe öffentlich bei einer Großdemo zu einer Ordnungswidrigkeit in Form von Sitzblockaden aufgerufen. Ich war auf den Demonstrationen rund um den G8-Gipfel und wurde dort mehrere Male kontrolliert. (Ich gehe davon aus, wegen letztgenanntem in der Gewalttäter-Links-Datei Eingang gefunden zu haben, obwohl ich dafür eigentlich etwas getan haben müsste…)

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich bin erfasst, ich bin “verdächtig”. Was hat das jetzt für Auswirkungen? Schreibe ich lieber “Militante Gruppe” als militante gruppe (wie sie es selber getan haben) um darauf hinzuweisen, dass ich mich nicht mit dem Thema auseinandergesetzt habe? Gehe ich auf die nächste Demo, wenn ich weiß, dass es dort zu Anfang zu Personenkontrollen kommt? Schreibe ich, was ich denke? Sage ich was ich denke?

und was eigentlich viel spannender ist: nur weil ich noch nie gewalttätig geworden bin, noch nie gegen Gesetze verstoßen habe etc. heißt das für die Behörden ja nur, dass ich dies alles ja noch tun könnte, ich also ungleich gefährlicher bin, als ein linker Steinewerfer. Denn ich könnte ja, nur eine Frage der Zeit und so…

Hat der Sicherheitsapparat mein Verhalten und Denken beeinflusst?
Ohne einen Zwang auf mich auszuüben?
Ohne meine Mails und mein Tagebuch zu lesen?
Ohne mich abzuhören, zu überwachen, ohne meine Wohnung zu durchsuchen.

Ja, das hat er.

11 Reaktionen zu “Ich bin verdächtig!”

  1. Steffino

    tja, so fängt es an mit den gedankenverbechern…

  2. hartz

    Du machst Dich schuldig der freien Gedanken- und Meinungsbildung. Ich muss Dich leider melden (wir schreiben das Schäuble Jahr 2010 und nicht 1984)

  3. zappi

    Ich gehe schon seit dem Vermummungsverbot nicht mehr auf Demos. Alleine schon wegen der Flächendeckenden Erfassung aller Demonstrationsteilnehmer. Und schreiben mahg ich aus genau den selben Grund im Moment überhaupt nichts.

  4. BvTaa

    “gibt es z.B. diese ganzen Bombenbauanleitungen, von denen immer gesprochen wird überhaupt?”
    Die findest du bald auf http://www.bka.de

    :D

  5. Muffi

    Ich möchte auch verdächtig sein … ;-)

    Deshalb nun nach monatelanger Beobachtung und höchsteigener Spionage auf dieser Seite und anlässlich des sehr persönlichen Kommentars von Ben hier nun die lange drängende Äußerung. Deshalb wirds auch ein wenig länger.

    Angst (fr)isst Seelen auf und gerade wir Deutschen glauben all zu gern, das Leben sei ausrechenbar. Unser aller persönlicher Besitz verpflichtet nicht nur, sondern läßt die Angst größer werden – vor dem bösen Dritten, der uns alles nehmen, zerstören und vernichten will. Die Angst ist sogar in Teilen berechtigt, kommen doch nur die langsam zu sich, denen wir westlichen Erdenbewohner allzugern die Rohstoffe abluchsen, zur Not sogar mit chirurgisch präzisen Erstschlägen auf Hochzeitsgesellschaften. Und so spielt auch ein Herr Schäuble in seiner Funktion “nur” mit unseren Urängsten herum, manchmal wie an einem Flipperautomaten – irgendwo wird die Kugel schon anstossen.

    Dass was mich persönlich am meisten stört, ist die Haltung der Mehrheit (wohl bei über 60 Prozent): “Es wird schon richtig sein, wenn sie die bösen Buben online überwachen, öffentliche Plätze zu polizeilichen Viewingpoints umbauen und die Möglichkeit haben einen Aufenthaltsort innerhalb von Minuten (technische Zeit) zu ermitteln. Es gilt ja nur für die bösen Buben.” Analogie?: “Die Juden und die Linken werden schon etwas gemacht haben, wenn sie verfolgt, polizeilich erfasst und anschließend weggesperrt wurden…” Das Wort Deutungshoheit ist der springende Punkt in dieser ganzen Debatte. Deshalb hier ein paar Blumen für Ben, da er nur versucht, die Deutungshoheit nicht zum Gut Einzelner werden zu lassen.

    Demokratie in Verbindung mit der “Sicherheitslage” ist wohl deshalb so schwierig geworden, da die Verantwortung, welche auf unseren “Lenkern” lastet A) der german crisis Rechnungtragen soll und B) die technischen Möglichkeiten so ungewöhnlich vielfältig und anonym geworden sind, dass das/der große Unbekannte jederzeit aus dem Schrank geholt werden kann, um die Angst weiter zu schüren – denn Angst macht lenkbar.

    Und wer hats in der neueren Geschichte erfunden, die Angst in perfekter Lenkungsfunktion für das Volk durch die Mächtigen? – Die Deutschen. Dann haben es die Amis in der heutigen Zeit Stück für Stück adaptiert und nun kehrt die Angst als Machtmittel ins Ursprungsland zurück …

    Und jetzt setze ich mir lieber einen Bauhelm auf, wenn ich aus dem Haus gehe – es könnte sich ja ein Dachziegel lösen und mich erschlagen. Sieht scheiße aus, aber von Angriffen von oben bin ich damit am Kopf geschützt. Blöd nur, dass ich vermutlich entweder A) bei einem Autounfall sterbe oder B) Krebs bekomme – die Wahrscheinlichkeit ist im doppelten Prozentbereich höher, als das mich die fliegende Dachschindel erwischt.

    Ganz persönlich glaube ich, dass der hier so oft zitierte Schäuble durch den Anschlag auf sein Leib und Leben nach wie vor schwer traumatisiert und verunsichert ist. Er hat unser aller Mitleid für sein persönliches Schicksal mehr als verdient – unvorstellbar, dass gerade jemand, der einem Attentat zum Opfer gefallen und nun zu einem Rollstuhldasein verdammt ist, all seiner Angst und einer scheinbar grundsätzlichen Mißtrauenshaltung gegenüber dem Leben in Form von bundes- und teils weltweiter Sicherheitspolitik Raum verschaffen kann.

    So, jetzt bin ich also auch einer subversiven Haltung verdächtig und befinde mich damit in guter historischer Gesellschaft, wie hoffentlich hier auch aktuell. Es grüßt ein Meinungsinhaber und damit ein eventueller Gefährder.

    PS.: Ist eigentlich jemand aufgefallen, dass unser Innenminister Gollum immer ähnlicher wird? Aber egal, folgen wir doch einfach dem einzigen richtigen Rat eines von der geballten Kollektiv-Angst gebeugten und gebeutelten Mannes – trinken wir in aller Ruhe ein Gläschen guten pfälzischen Weisswein in der (immer geltenden) Ahnung, es könnte das Letzte sein – Effekt, wir schätzen die Zeit, die wir erleben dürfen, frei von Angst und werden wahrscheinlich alle sehr alt. Denn ob es Krebs, der Autounfall oder eben die Kofferbombe kommen, wenn sie kommen sollen, wird es eben passieren, es gibt keine Garantie auf ein hohes Alter.

    Unsere Angst ändert nichts an den Ursachen.
    Prost Herr Schäuble und lieben Gruß von meinem islamischen Kumpel unten vom Dönerimbiss, der letztens von ängstlichen Deutschen auf der Straße angepöbelt worden ist.

  6. Ben

    “subversive Haltung” bedeutet ja im Moment “sich keine Angst machen zu lassen”. Das perverse ist nur, dass es sogar bei mir funktioniert. Wohnte ich alleine, hätte ich keine Familie würde ich sagen:”Und wenn schon, macht eine Hausdurchsuchung, hört mich ab, analysiert mein Surfverhalten!” aber sobald meine Familie mit ins Spiel kommt, kann ich irgendwie nicht mehr den Helden spielen….

    Lesenswert dazu aus der Schriftenreihe des Fachbereichs Öffentliche Sicherheit, das Kapitel über Angst etc. als Motivationsgrund zur Zusammenarbeit mit der StaSi…

    Den Komplex der Erpressung nannte man „Wiedergutmachungs- und Absicherungsbestrebungen“ bzw. Werbung „unter Druck“, da Normver-letzungen des Betroffenen nicht geahndet, sondern durch konspirative Zusammenarbeit wiedergutgemacht werden sollten

  7. Muffi

    Ich bin Ossi ;-) Vielen Dank für die Lektüreempfehlung – schaden kann es nie nochmal nachzulesen – aber das habe ich schon “im Gefühl”, wenn die Dinge genau diesen Geruch bekommen, um so mehr wundere ich mich zunehmend über meine “Brüder und Schwestern” im Osten. Wir wandern hier eh ein wenig zwischen den Zeilen herum.

    Sie müßten es doch besser wissen? Ja, wenn da nicht die neue Angst um A-Platz, Geld und Familie wären … Aber langsam werden sie hoffentlich wieder ein wenig wacher, nach der Wendestarre. Und Du hast recht – je mehr man involviert ist, umso stiller wird man ganz automatisch. Kann man auch niemandem vorwerfen, so lange bis Orwell Recht bekommt.

    Aber die Geschichte zeigt ja in ihrer steten wellenförmigen Abfolge von Friedens- und Kriegszeiten die “Entwicklung” der menschlichen Rasse als Ganzes. Mag zynisch klingen, aber warum sollten wir ein Anrecht auf “Ruhe” haben und eine Ausnahme sein?

    Weil wir so weit entwickelt sind? ;-) Wohl eher nicht in Zeiten vom stärker werdenden Tittytainment und Brot und Spiele-TV ala Rammeln/Töten/Lallen (RTL). Die Crux liegt wohl eher in der technischen Entwicklung, welche der “moralischen” immer mind. 20 Jahre vorwegmarschiert. Erst machen wir etwas kaputt (Werte, Gegenstände, Länder), es ähnelt dem spielenden Lernen von Kindern! und dann haben wir gelernt, wie die zerbastelte Uhr von innen aussieht und versuchen sie erneut neu und besser aufzubauen, bis zum nächsten Anfall von Spielwut.

    Im Moment haben wir zugelassen, dass sich Kapital und Arbeit zunehmend entkoppeln. Mittlerweile ist sogar unser aller Präsi Köhler ganz aktuell dahinter gekommen, dass es eine merkwürdige Sache ist, wenn die Kapitalmärkte “Geld erarbeiten” und der normale Lohnsklave für die Basis dafür, die reale Wertschöpfung, keine genügende Entlohnung mehr erhält.

    Ab morgen schick ich auch mein Geld für mich arbeiten, bleib zu Hause und lese wieder mehr Bücher ;-)

    Da kommt noch einiges auf uns zu, die wir noch keine 70 Jahre alt sind.
    Ich bin jedenfalls sehr neugierig, wie sich das “Kind” noch verhält ;-) Wir werden es miterleben.

  8. gurs

    bei all den dingen nachmal zum ausgang: wie weit sind wir denn schon, wenn ein staat die bürger verdächtig findet, die sich eine eigene meinung bilden wollen?

  9. Schlauschiesser

    Perfide, wie man ohne etwas zu tun trotzdem eine Wirkung entfalten kann.

    Würde ich mich ändern, wenn ich wüßte oder auch nur vermutete, ich wäre auf irgendeiner obskuren Liste oder in irgendeiner Datenbank?
    Hier und heute sage ich “Nein”, denn ich bin der Ansicht, daß man seine Meinung äußern *muß*. Gerade dann, wenn es sich einige auf die Fahnen geschrieben haben, dieses Recht durch massiven Einsatz von FUD zu unterhöhlen.
    Wie gesagt, das sage ich heute.

  10. elementarteile » Blog Archiv » Niemand hat die Absicht…

    [...] was ist “das Umfeld krimineller Handlungen”? War ich in dem “Umfeld krimineller Handlungen”, weil Tornados widerrechtlich über mich hinwegflogen? Oder ist der Aufenthalt in der Sperrzone “kriminell”? Passe ich also immer noch ins Raster? [...]

  11. elementarteile » Blog Archiv » BKA speichert schon lange…

    [...] Ich schrob ja schon, wie ich mich verdächtig mache. [...]

Einen Kommentar schreiben