“‘Schland, öhöhöhörrrllll, ‘Schland, ‘schland” so stehen die völlig dichten ‘Fans’ auf der Sielwallkreuzung und feiern den Sieg der deutschen Mannschaft über Polen (nach einem alles andere als berauschenden Spiel). Abseit steht eine kleine Gruppe Vermummter und muss dem dumpf patriotischen Treiben wehrlos zusehen. Die Kreuzung, eigentlich das Herz des ehemals linksalternativen Viertels, bisher immer das Hoheitsgebiet der Freaks, Junkies und Punks, jetzt Schauplatz des endgültig reparierten Nationalstolzes.
Überrascht musste ich feststellen, dass auch tatsächlich kaum Hemmungen bestehen, siech schwarz-rot-goldene Flaggen ans Auto zu machen. Bei jedem Sieg werden es mehr. Fahnenliebe bleibt also kein englisches Phänomen. Trotzdem ist mir reichlich unklar, was die da eigentlich feiern. Das Hitler tot ist? Die Vergangenheit keine Rolle mehr spielt (und man sich deswegen nicht schämen muss, Abschiebe-Weltmeister (pro Asyl) zu werden?
Oder das Hartz4 den offiziellen Wiedereinstieg in die Klassengesellschaft bedeutet und mit Erniedrigung und Diffamierung sozial schlechter gestellter Einhegeht? Ist das neue Deutschland, auf das jetzt alle stolz sind, bloß die Fußballmannschaft oder auch der Ordnungswahn? Sind die Leute stolz auf Angela Merkel oder doch eher die NPD? Heißt stolz auf Deutschland sein, auch stolz auf die EU sein, wo wir doch jetzt alle Europäer sind? Oder doch eher Dumpfbackig blond, blauäugig, deutsch deutsch deutsch (und die Türken werden nie dazugehören)?
Die nationale Blase scheint reichlich uneinheitlich, die einen verstehen Toleranz und Offenheit darunter (die Jetset-Eliten), die anderen Ab- und Ausgrenzung. wahlweise wird die Nazivergangenheit eingebunden (wohlgemerkt als Lehrstück und deswegen schon wieder ein Grund noch ein bißchen stolzer zu sein, siehe Fischer/Schröder), mal einfach weggelassen (wir sind Papst) und auf einen etwas gelifteten Konservatismus verwiesen.
Aber irgendwie bin ich mir unklar darüber, was von dem ganzen Theater zu halten ist. Auf die einzigartige Ablehnungswürdigkeit deutschen Nationalismus zu verweisen, ist mir ein Stück zu einfach. Schließlich gibts hier noch besetzte Häuser und den Rest einer radikalen Szene, wie sie in England zum Beispiel nur noch marginal geworden ist.
Natürlich ist anti-Nationalismus sofort tot, wenn er eine nationalistische Haube übergestülpt bekommt (und man dann vom Paradoxon deutschen anti-Nationalismus sprechen würde). Aber trotz des WM Gegröhles: Die progressiven Kräfte sind noch nicht tot hier und das ist ein Grund, warum ich auch manchmal gerne hier bin.

8 Antworten bis jetzt ↓
1 Ben // Jun 17, 2006 at 09:56
calim wir wissen doch was man bei schlechter innenpolitik macht: man verweist auf äußere bedrohungen gegen die “wir zusammenhalten müssen”. da aber weder innen- noch außenpolitik zur zeit zu lobgesängen hinreißen muss etwas anderes her um das wählergedächtnis bis zur nächsten wahl zu füllen. und wer will heute, kurz vor der sommerpause denn über so leidige dinge wie den sozialstaat und die bürgerrechte diskutieren?
ansonsten finde ich die gehäufte beflaggung ein wenig heilsam. ich habe keine deutschlandfahne und ich hänge sie auch nicht raus. aber ich finde es auch nicht weiter schlimm. mir geht eher diese selbstkasteiung auf den senkel. ich habe nichts mit dem dritten reich am hut. ich kann nur etwas dafür tun, dass es nicht wieder soweit kommt. die grätsche zwischen deutscher fahne und drittem reich ist mir ein wenig zu breit, schließlich häng ich mir kein hakenkreuz raus. dann kommen wir zu der frage für was diese fahne denn steht? für aktuelle politik? für eine politikerkaste? für das grundgesetz? für die nationalmannschaft? die wertigkeit die sich aus diesen überlegungen für die fahne ergibt sei jedem selber überlassen. von mir aus könnten sie auch ne chiquita fahne raushängen…
2 Claim // Jun 17, 2006 at 10:06
-> geäaufte Beflaggung: Wir sind halt auch wieder normal. Das Nazi reich ist jetzt mehr als 60 Jahre vorbei, die täterund opfer steren aus, das Land ist wiedervereinigt,kein Problem also den Patriotismus wieder raus zu holen. Machen ale anderen ja auch so.
Damit hab ich auch ur begrenzt ein Problem, in sofern, wie ich Nationalismus ganz generell einfach käse finde (englischen, französichen oder russischen genau wie deutschen, das macht für mich alles keinen Unterschied). Aber natürlich ist ein ständiges Verweise auf eine Nazivergangenheit auch nichts anderes, ist halt bloß Nationalismus mit schlechtem Vorzeichen.
3 baseface // Jun 17, 2006 at 20:32
Ich bin doof, denn ich verstehe den neuen, gesunden Patriotismus nicht, ich bin ein Feind der offenen Gesellschaft, denn ich will kein gröhlender Patriot sein, ich liebe mein Vaterland nicht, denn ich trage keine Flagge oder zu Mindest die Farben meiner Nation zur Schau, ebenso bin ich ein Kleingeist, denn ich beobachte deutsche Fahnen an Autos und fahnenschwenkende Patrioten in den Strassen nicht mit Wohlwollen.
Ich bin eine Schande für mein Vaterland!
4 Ben // Jun 17, 2006 at 23:18
Patriotismus soll ein Loch stopfen. Weil dieses Loch ziemlich groß ist brauch man einen großen Stöpsel. Da kommt die WM gerade recht. Wer mitmacht, macht mit und wer nicht mitmacht nicht. Ist die WM vorbei landen die Fahnen im Keller. Aus und vorbei, dann gibt es einen Florida-Rolf, Mallorca-Manfred eine Rütli-Schule oder einen deutschen Pabst. Genausogut könnten wir uns alle jeden Tag über die offen zu Schau gelegte Bild aufregen. Es ist nichts anderes. Keiner der sich diese Fähnchen ans Auto hängt befürwortet damit irgendwas außer ein überdimensioniertes Werbe- und Sponsorenspektakel. Brot und Spiele, Emotionen, leichte Kost… der Deckungsgrad zwischen Fähnchen-Hängern und Bild-Lesern dürfte über die Maßen hoch sein. Also alles halb so wild:)
5 Joki // Jun 20, 2006 at 10:17
Naja, mal nich überpathetisch werden.
Dieser Patriotismus is halt nich “neu”, die Leute haben nur so auf’n grund gewartet, “unsere” Flagge auszupacken, des macht’s mulmig, gell? Ich kann jetzt jedenfalls alle 10 Meter vor parkenden Autos salutieren, what a feeling.
6 Reitmeier // Feb 6, 2008 at 20:40
Gott, seid Ihr verspannt! Außerdem ist eure Rechtschreibung grauenhaft. Oder ist das ein “Zeichen” eures Widerstandes gegen unsere schöne deutsche Sprache. Das wäre zutiefst albern, und das können die Glatzen auch nicht besser. Die deutsche Kultur und somit auch die deutsche Sprache sind aus einem jahrhundertenlangen Prozess entstanden. Könnt Ihr nicht endlich einmal akzeptieren, dass der Nationalsozialismus eine zwar grauenhafte Erscheinung der deutschen Geschichte war, aber einen höchst interessanten geschichtlichen Prozess mit unseren europäischen Nachbarn überdeckt. Mit eurem Pessimismus, eurer Verkniffenheit und eurem Sündenstolz habt Ihr mehr Gemeinsamkeiten mit den braunen Idioten als Ihr denkt. Also nehmt doch mal einen kräftigen Schluck aus dem Fundus der deustchen Literatur, und Ihr werdet vielleicht sehen, dass deutsche Kultur alles andere ist, aber nicht eng und nationalistisch.
7 Gluma // Feb 8, 2008 at 15:08
Nah so richtik liegt ihr aba mit äuren Gedanken nich auf Wällenlenge. Hapt doch ma bisschen Spahss im Leben.
8 Ben // Feb 8, 2008 at 15:16
deswegen kommst du hier auch mit “nationalismus” als suchanfrage von google rüber… pfielen dang vür dem tib!
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